Die Alternativen zu China
Schon seit geraumer Zeit suchen deutsche Unternehmen ihr Glück in Fernost – allen voran in China. Doch dessen Strahlkraft schwindet, zudem erscheint eine Eskalation im Handelskrieg mit den USA wahrscheinlich. Inzwischen gibt es vom Südchinesischen Meer bis zum indischen Subkontinent zahlreiche, wenn auch unperfekte, Alternativen.

Bis zu fünf Prozent Wachstum in Asien-Pazifik seien keine Träumerei.„Die Region bleibt eine der wichtigsten Destinationen für die Diversifizierung des Geschäfts“, frohlockte Volker Treier, Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) bei der Vorstellung des „AHK Asien-Pazifik Business Outlook“ im Sommer 2024 – und er dachte dabei nicht nur an China.
Der Technologiekonzern Schott fertigt zum Beispiel schon seit einem halben Jahrhundert in Malaysia Spezialgläser an, die in der Unterhaltungselektronik und Halbleiterindustrie verbaut werden. Um die Produktion auszuweiten, eröffneten die Mainzer im September 2024 eine neue, hochmoderne Produktionsanlage im Nordwesten des Landes. 400 neue Arbeitsplätze stellte Schott in Aussicht, mittlerweile sind drei Viertel davon besetzt. „Da gut ausgebildete Fachkräfte lokal sehr rar gesät sind, besteht natürlich das Risiko der Fluktuation“, so Schott-Sprecher Michael Müller. Die Managementpositionen besetzt das Unternehmen mit Ausländern, notgedrungen. „Das Ausbildungsniveau und die Managementfähigkeiten sind im Vergleich zu Deutschland noch ausbaufähig“, sagt Müller. „Dafür sind die Arbeitskosten im Vergleich sehr attraktiv. Das Gehaltsniveau ist 20 bis 50 Prozent geringer, je nach Fähigkeiten und Rolle.“
Thailand: Sicherer Hafen in Südostasien
Ähnliches gilt für den nördlichen Nachbarn Thailand. Der Touristenmagnet ist in der Industrie als Standort für die Elektronik-, Automobil-, Chemie- und Nahrungsmittelproduktion bekannt. In letzter Zeit kommen vermehrt Luft- und Raumfahrtunternehmen sowie Medizintechniker hinzu. Insgesamt 600 deutsche Unternehmen sind nach IHK-Angaben bereits in Thailand vertreten und suchen Zulieferer verstärkt dort statt in China. „Das hat es in dem Ausmaß vor zehn Jahren nicht gegeben“, sagte Marius Mehner, stellvertretender Geschäftsführer der AHK Thailand, bei einem Webinar mit Firmenvertretern. Für Thailand spricht die vergleichsweise hohe Rechtssicherheit, die es den Unternehmen auch in Krisen- oder gar Putschzeiten erlaube, mehr oder weniger so weiterzumachen wie zuvor. Auch stößt die aktive Industriepolitik des Board of Investment, einer Regierungsbehörde zur Wirtschaftsförderung, bei vielen Unternehmen auf Anklang. Gleichzeitig ist das Land auf Technologieimporte angewiesen; Forschungsausgaben, Wirtschaftswachstum und Bildungsstand befinden sich allesamt auf niedrigem Niveau. Nicht umsonst bilden Unternehmen wie Mercedes, BMW und Bosch ihre Mechatroniker in Thailand nach dem Vorbild des deutschen dualen Systems aus.
Singapur: Drehscheibe Südostasiens
Fachkräftemangel ist kein deutsches Problem, sondern auch in weiten Teilen Südostasiens spürbar. Besserung ist nicht in Sicht. Thailands Geburtenrate etwa befindet sich im freien Fall, die Bevölkerung wird in den kommenden Jahren anfangen zu schrumpfen. Noch weniger Kinder bekommen die Menschen in Singapur, dem Technologie- und Logistik-Hub Südostasiens. Die Geburtenrate von 0,97 Kindern pro Frau zählt zu den niedrigsten weltweit. Knapp 40 Prozent der Erwerbstätigen in Singapur stammen aus dem Ausland, qualifizierte Fachkräfte sind so schwer zu bekommen wie ein Wiener Schnitzel im Asia-Restaurant. Im Tausch für horrende Lebenshaltungskosten bietet die Halbinsel dafür eine hervorragende Lebensqualität und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die weitgehend frei von Korruption sind. Im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International belegt Singapur Platz fünf. Der Stadtstaat ist gut vernetzt, bietet Raum für Experimente und Innovationen, mit Englisch findet sich im Alltag jeder zurecht. Die Dichte an Entscheidern ist hoch, Kontakte lassen sich wunderbar auf einer der abendlichen Veranstaltungen knüpfen. Mehr als 2.100 deutsche Unternehmen haben sich in Singapur angesiedelt – 2019 waren es erst 1.650 –, neben Großkonzernen auch zahlreiche Mittelständler. Eine beliebte Strategie ist es, zunächst mit einem Vertriebsbüro anzufangen, um von dort aus den Markt zu erschließen.
Vietnam: Vom Kriegsschauplatz zum Investorentraum
Noch anziehender auf manche wirkt Vietnam, das lange Zeit eher ein Synonym für die Grauen des Krieges war. Der Industriegashersteller Messer aus Bad Soden am Taunus investiert dort zum Beispiel gerade in neue Luftzerlegungsanlagen und treibt den Ausbau seiner Produktionskapazitäten für Flüssiggas im Süden des Landes voran. In Hai Duong im Norden Vietnams produziert seit gut einem Jahr die Technologiegruppe Harting aus Minden ihre Steckverbinder. Antriebstechniker Ziehl-Abegg aus Künzelsau investierte 20 Millionen Euro in einen Werksbau in Dong Nai, will dort pro Jahr 75.000 Ventilatoren fertigen und die Herstellung in Asien auf mehr Standorte verteilen. Genauso wie Tesa, dessen im Oktober 2023 eröffnete Fabrik in Haiphong 40 Millionen Quadratmeter Klebeband pro Jahr ausspucken und ausdrücklich den Produktionsstandort in China ergänzen soll. Seit der Jahrtausendwende glänzt Vietnam – selbst während der Finanzkrise und der Corona-Krise – mit durchgängig positiven und vergleichsweise hohen Wachstumsraten. Die Mischung aus steigenden Investitionen aus dem Ausland, Exportüberschüssen und einer kauffreudigen und wachsenden Bevölkerung scheint zu funktionieren. Die Arbeitskosten sind gering und auch in internationale Lieferketten ist das 100-Millionen-Einwohner-Land immer besser eingebunden. Es schließt vermehrt Freihandelsabkommen ab, so auch 2020 mit der Europäischen Union. Doch bleiben wirtschaftliche Rückschläge für die offiziell noch immer Sozialistische Republik nicht aus. Intel zog eine geplante Investition in Vietnam wieder zurück, neben ungenügenden Subventionen soll angeblich auch die mangelnde Energiesicherheit ein Grund gewesen sein.
Indien: Ein Aufsteiger im Fokus
Einen regelrechten Hype gibt es weiter westlich in und um Indien. Für die kommenden Jahre erwarten Fachleute Wachstumsraten von sieben Prozent, Anfang der 2030er Jahre könnte die Wirtschaftskraft des Riesenreichs Prognosen zufolge Japan und Deutschland überholt haben. „Indien erfährt gerade starken Zulauf von deutschen Unternehmen“, sagt Ute Brockmann, stellvertretende Generaldirektorin der AHK Indien. „Indien bietet deutschen Unternehmen zum Beispiel gute Chancen in den Bereichen Automobil, Maschinenbau, IT, Chemie, Pharma, Biotechnologie und erneuerbare Energien.“ Aktuell sind laut AHK-Rechnung circa 2.000 Unternehmen aus Deutschland in Indien aktiv. „Dort herrscht ein regulatorisch flexibleres Umfeld für Investitionen als in China, zum Beispiel beim Schutz geistigen Eigentums. Das heißt weniger staatliche Einmischung“, lobt Brockmann den Standort, verschweigt aber auch die Nachteile nicht: „Steigende Rohstoffpreise und Wechselkursschwankungen sind Risikofaktoren.“ Zudem entwickelt sich Indien gegenwärtig zum globalen Smog-Hotspot mit extrem hohen Feinstaubwerten.
Alternativen in Asien
China ist nach wie vor das Kraftzentrum des Kontinents, aber ein Blick nach rechts und links wird immer wichtiger. Insgesamt bleiben Investments in Fernost attraktiv, zunehmend auch in vermeintlich isolierten Inselstaaten wie Indonesien oder den Philippinen, die beide riesige Märkte darstellen, aber unter einer schlecht entwickelten Infrastruktur leiden. Viele entdecken im Osten zudem einen Markt neu, der etablierter nicht sein könnte: Japan. Laut IHK-Angaben verfolgen Unternehmen mit dem Einstieg oder der Erweiterung ihrer Aktivitäten in Japan das Ziel, ihr Geschäft wenigstens ansatzweise von China zu entkoppeln.
Quelle: Magazin "Creditreform"
Text: Sebastian Wolking
Bildnachweis: Getty Image